Vom Erfinder der freilaufenden Pointe
Hans Bäßler im Gespräch mit Lars Reichow
Wer kennt sie nicht, die „Schulstunde“ von Lars Reichow, diese wunderbare Detailverliebtheit bei der Beobachtung von schlechtem Musikunterricht? Kein Fachseminar Musik verzichtet auf diesen Song des Mainzer Kabarettisten; einige Fachleiter, so hört man immer wieder, benutzen das kleine Melodram sogar als Gegenstand der Unterrichtsanalyse. Woher Reichow so genau Bescheid weiß? Er war selbst Musiklehrer in Wiesbaden, bis er den Job an den Nagel hängte und nur noch als der „Sohn eines Alpha-Mädchens und eines Jazzmusikers“ Deutschland verunsichert; er gilt als „Erfinder der freilaufenden Pointe“. Jetzt tourt er mit seinem neusten Programm, dem „Unterhaltungskanzler“ durch das Land und begeistert das Publikum jeden Alters. Das Lachen entsteht meist, weil man sich selbst ertappt fühlt. Dem VDS war und ist der „Klaviator“, wie er sich selbst einmal auf einer der CDs bezeichnete, seit der Bundesschulmusikwoche 1998 in Potsdam verbunden, als er spät nachts noch ein einstündiges Programm servierte. Auf der BSW 2006 in Würzburg waren seine verschiedenen Beiträge das manchmal notwendige Etwas. Seit zwei Jahren präsidiert Reichow den Wettbewerb „Schulpraktisches Klavierspiel“, der vom VDS zusammen mit der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ und Grotrian-Steinweg durchgeführt wird. Grund genug also, einmal zusammen mit dem parteilosen Unterhaltungskanzler Bilanz zu ziehen.
Was hat seine bisherige Politik gebracht?
Hans Bäßler: Herr Reichow, braucht Deutschland einen Unterhaltungskanzler?
Lars Reichow: Wie käme ich dazu, mich selbst in Frage zu stellen. Ich will Unterhaltungskanzler sein für alle Deutschen, vielleicht sogar alle Deutschsprachigen und ich gehe davon aus, dass ich überall gebraucht werde. Vielleicht sogar auf anderen Erdteilen – wenigstens als Gastspiel. Ich fordere Indemnität und Immunität für den Unterhaltungskanzler. Ich kann nicht alles anders und besser machen, aber lustiger kann es werden und klangvoller.
Bäßler: Komplettieren Sie bitte den Satz „Alles verflacht: Die Politik, die Kultur insgesamt, nur das Kabarett bleibt …“
Reichow: Beinahe hätte ich jetzt gesagt „Alles verflacht, nur die Alpen nicht!“ Das Kabarett bleibt so alpin und so flach wie vorher auch. Vielleicht ist der Vergleich mit einer Bergwanderung nicht ganz falsch: Es kommt immer darauf an, in welcher Hütte man einkehrt. Man kann im Kabarett Sternstunden erleben, atemlos mit Sauerstoffmaske vor Lachen, man kann sich auch schämen für das, was zuweilen geboten wird und nach manchen Darbietungen möchte man sich wohl am liebsten in den Abgrund stürzen. Mal empfindet man sich selbst als einsamen Gipfel, mal für einen Haufen Geröll. In jedem Fall sollte man die Besteigung eines hohen Berges sorgfältig planen, man kann schließlich nicht ewig auf dem Gipfel rumstehen und irgendwann sollte man auch etwas für den Abstieg überlegen.
Bäßler: Gibt es irgendwelche Vorbilder für Sie? Wen bewundern Sie am meisten?
Reichow: Das Publikum! Es ist eine Art Ersatzreligion für den Kabarettisten. Entweder es wird gejubelt und gelacht oder aber man schweigt höflich und spendet Höflichkeitsapplaus. Oder aber das Publikum setzt seine schärfste Waffe ein: Es bleibt zuhause! Es kommt gar nicht erst rein! – Das Publikum entscheidet über Wohl und Wehe. Wenn sich eine Mozart-Sonate über 250 Jahre im Repertoire der Menschheit hält, sogar Tiere sich zu dieser Musik hingezogen fühlen, dann muss doch irgendetwas dran sein. Aber wer so lange im Geschäft bleiben will, der braucht ein großes und widerstandsfähiges, ja vielleicht auch ein fortpflanzungsfähiges Publikum. – Daran arbeite ich!
Bäßler: Lebt das Kabarett davon, dass die Politik besonders flach ist?
Reichow: Das Kabarett ist ein zeitlos boomender Berufszweig. Wir sind „Krisen-Gewinnler“, d. h. wenn die Politik versagt hat, sind wir gefragt und wenn die Politik ordentlich arbeitet, vor sich „hinschnurrt“, sind wir genauso beliebt, weil die Menschen sich belohnen wollen. Wir sind also sowohl in der Wachstumsphase als auch in der Rezession immer unterwegs, wir wollen gehört und gesehen werden. Es ist wirklich ein einmaliges Privileg in diesem Beruf, dass man relativ unabhängig ist von den großen Wirtschaftzyklen. Ich glaube, dass das damit zusammenhängt, dass das Kabarett doch eine eher bescheidenere Darbietungsform hat, dass man eine Kabarett- Veranstaltung auch einfach und schnell organisieren kann. Um mich zu hören, brauchen Sie nicht den Bodensee zuzunageln. Ich bin teuer, aber man sieht es nicht!
Bäßler: Sie waren einmal Musiklehrer, heute sind Sie es nicht mehr!?
Reichow: Ja, aber ich habe noch viele Freunde im akademischen Umfeld, halte Kontakt zu diversen Hochschulprofessoren, Musikhochschulen, gebe Kurse und Anregungen. Ich bin, wie man so schön sagt, dankbar für die Erfahrung, dass ich Musiklehrer sein durfte. Noch dankbarer bin ich allerdings dafür, dass ich meine pädagogische Kleingruppe in den Abend verlegen konnte. Der Abend und die Nacht sind emotional einfach leistungsfähiger. Ich genieße meinen Beruf und wenn mich meine Kinder lassen, dann schlafe ich aus und bin dank meiner regelmäßigen Adrenalinausstöße ein glücklicher Mensch.
Bäßler: Sie arbeiten also lieber abends und nachts?
Reichow: Richtig. Der Tag ist für mich eine Unterbrechung der Nacht. Das heißt aber nicht, dass ich tagsüber nicht schlafen kann …
Bäßler: Sie waren Beamter auf Lebenszeit, warum haben Sie diese Sicherheit aufgegeben?
Reichow: Naja, zu der Zeit, als ich das entscheiden musste, war ich ja in der Schule. Ich hatte meine Frau kennen gelernt, wir hatten eine Familie gegründet und ich war abends unterwegs. Wenn man den Tag in Schule, Familie und Bühne einteilt, dann bleibt nicht viel Zeit für den Schlaf. Ein Drittel musste also wegfallen. Ich habe mich für die Selbständigkeit entschieden und diese Entscheidung nicht ein einziges Mal bereut.
Bäßler: Sie kriegen durch ihre Kinder Schule aber immer noch hautnah mit. Manchmal, vermute ich, liegen Sie abends im Bett und denken, wenn ich doch jetzt Staatssekretär bei der rheinland-pfälzischen Kultusministerin Doris Ahnen wäre. Also: Was würden Sie als erstes in den Schulen ändern?
Reichow: Ich fürchte, ich muss mit einer schlechten Nachricht anfangen. Ich würde sofort den Beamtenstatus auflösen. Im nächsten Schritt würde ich versuchen, große Klassenverbände zu bilden, die über viele Jahre zusammen bleiben. Das Schulsystem braucht viel mehr Kreativbereiche wie Theater, Musik, Kunst, Ballett, Film und Hörfunkproduktionen etc. Die Wissenschaften müssen im Wettbewerb gefördert werden, damit bereits vor Erreichen der Universitäten lebensnahe Forschungsergebnisse erzielt werden. Schule muss lebensnah sein! Lehrer sollten nur einen Teil ihres Berufes in der Schule einbringen, den anderen Teil in einem fachnahen Beruf verbringen. Das macht sie glaubwürdiger und eindrucksvoller. Die Schule braucht mehr Helden – auf beiden Seiten der Schulbank.
Bäßler: Wir kommen noch einmal zurück zum Kabarett. Sie touren das ganze Jahr durch Deutschland. Gibt es Zonen, wo es der Humor schwer hat?
Reichow: Nein. Es gibt nach wie vor, für mich persönlich, aber auch für viele Kollegen, eine Trennung zwischen den neuen und den alten Bundesländern. Ich wünsche mir mehr Auftritte in den neuen Ländern, denn jede Region hat ihre hochinteressanten Mentalitätsunterschiede. Der Friese amüsiert sich auch, aber anders als der Niederbayer usw. In jeder Region gibt es einen unterschiedlichen Zugang zum selben Programm. Ich habe jedoch festgestellt, wenn man etwas gültiges, also auch im Humorbereich gültiges und unangreifbares, den Leuten vorträgt, dann sind die Reaktionen ähnlich positiv. Das schließt die Schweiz und Österreich ein. Das Publikum ist ein Wunder an Vielfalt und Vielschichtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Ich liebe die Reaktionen, das spitze Lachen, das unterdrückte, das Brummeln der Männer oder die Exaltiertheit mancher Frauen. Ein tolles Gefühl, seinen Beruf unter dieser Geräuschkulisse auszuüben! Es mag Menschen geben, die mit Musik nichts anfangen können oder nie lachen, aber auch diesen Menschen möchte ich zurufen: „Ich werde alles versuchen, um euch auch noch zu kriegen!“ Aber mein Platz ist in der Mitte derer, die sich ein Leben ohne Humor nicht vorstellen können.
Bäßler: Gibt es an ihrem Wohnort Mainz am meisten Humor?
Reichow: Mainz ist eine unglaublich frohsinnige Stadt, die das auch an vielen Volkfesten, in den attraktiven Jahreszeiten und Wetterlagen praktisch täglich unter Beweis stellt. Ich glaube, dass alle Städte am Rhein, entlang an den Flüssen, sehr viel Sinn für Humor und eine Form von Feierlaune haben. Das hängt sicher auch mit der Verfügbarkeit von Wein und Fleischwurst zusammen. Wir Mainzer zeigen durch unser Naturell, vielleicht auch durch den selbstlosen Einsatz während der Fastnachtskampagne eine hohe Bereitschaft, sich selbst hochzunehmen. Und das ist die Grundvoraussetzung für einen bodenständigen Humor. Also kurzum: Mainz ist ein herrlicher Ort, um hier zu wohnen und zu arbeiten!
Bäßler: Sie machen ja nun nicht nur Kabarett, sondern auch sehr ambitionierte Moderationen auf der Bühne und im Rundfunk. Sie engagieren sich in einer eigenen Event-Agentur und bei diversen Stiftungen, spielen Theater … Heißt das, Lars Reichow flüchtet aus dem Kabarett?
Reichow: Nein, warum sollte ich das tun? Ich bin ganz fest und zufrieden im Kabarett verankert. Der Begriff hat mich nicht immer glücklich gemacht, vielleicht wäre ich lieber in der ein oder andern Schublade aufgewachsen. Auch wenn die Kabarett-Bühne meine Heimat ist – ich empfinde auch heimatliche Gefühle auf einer Konzertbühne oder auf einer Theaterbühne, so wie in diesem Sommer. Es ist viel wichtiger für mich zu erkennen, wie etwas gemacht wird als wie es heißt. Das Interessante an der Darbietungskunst ist doch, dass es ein Spannungsfeld zwischen dem Künstler auf der Bühne, dem Publikum und dem Raum mit seinen Möglichkeiten gibt. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich der Auslöser bin für diese Kettenreaktion.
Bäßler: Kann es vorkommen, dass einmal die Themen ausgehen?
Reichow: Das Kabarett ist eigentlich sehr krisenfest, weil auf der einen Seite die Aktualität zur Verfügung steht, also die aktuellen Themen, die die Leute beschäftigen. Dies ist ein steter Quell. Auf der anderen Seite steht die Unendlichkeit der Phantasie stets zur Verfügung. Das ist ja noch der viel größere Schatz! Man kann damit seine eigenen Schwerpunkte setzen, muss allerdings immer abwägen, ob es dafür auch eine Zielgruppe gibt. Ich kann beispielsweise kein Programm machen über das Liebesleben von Schmetterlingen, denn da werde ich schnell merken, dass Schmetterlingssammler erstens nicht gewohnt sind, ins Kabarett zu gehen und zweitens vielleicht auch gar nicht lachen wollen über ihre Lieblingstiere.
Bäßler: Noch etwas anderes. Zum zweiten Mal waren Sie Vorsitzender des Bundeswettbewerbs „Schulpraktisches Klavierspiel“ in Musikhochschule Weimar. Zum Abschluss des diesjährigen Wettbewerbs haben Sie deutliche Worte bei der Preisverleihung gefunden. Was war los?
Reichow: Dieser Jury-Vorsitz in Weimar ist für mich eine sehr interessante Aufgabe. Als Ex-Student, Freizeit-Dozent und Bühnenmensch kann ich mir diesen Wettbewerb unter verschiedenen Kriterien anschauen. Zu meinem großen Bedauern habe ich festgestellt, dass einige der Bewerber das Thema Liedbegleitung und viele andere Aufgabenstellungen, z. B. die Vertonung einer 12-Ton-Reihe nicht mehr handwerklich angemessen lösen wollen oder können, sondern sämtliche Lösungen auf irgendwelchen lapidaren Jazzharmonien hinzielten. Das hat mich sehr gestört. Nach jahrzehntelanger Demütigung und Geringschätzung der Jazzmusik ist wohl jetzt für viele die Zeit gekommen, dass der Jazz zur Allzweckwaffe wird und das Pendel zur anderen Seite ausschlägt. Die Ergebnisse waren teilweise lächerlich, wir Jury-Mitglieder waren regelrecht verärgert. Nur weil die Fundamente fehlen, wird ein bisschen Unterhaltungsmusik gemacht. Genau dies habe ich den Zuhörern und den Teilnehmern gesagt. Ungeachtet dessen hatten wir eine würdige, wunderschöne Siegerehrung und einen tollen Gala-Abend an der Weimarer Hochschule.
Bäßler: Zum Schluss noch eine etwas persönlichere Frage: Wenn Lars Reichow einen Wunsch frei hätte, dann …
Reichow: … würde ich mir mehr Zeit für meine Frau und meine Kinder wünschen. Denn wenn es etwas gibt, was noch grandioser ist als dieser wirklich wunderbare Beruf, dann ist es für mich ein glückliches Privatleben. Liebe und Hilfsbereitschaft in einer Familie, Pflichtbewusstsein, Opferbereitschaft, tagtäglich daran zu arbeiten, dass sich Anstrengung und Applaus in diesem Bereich die Waage halten, das ist die ganz große Kunst.
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Herr Reichow, was ist Kabarett, was ist Kleinkunst?
Schwierige Frage. Hat die schon einer richtig beantwortet? Die Kleinkunst ist ursprünglich auf einen kleineren Zuhörerkreis beschränkt, wie die Kammermusik. Sie profitiert von einer intimen Faszination, einer Nähe zum Künstler, die in einem Fußballstadion nur schwer erreichbar ist. Typisch ist die Vielfalt der Darbietungen, die Freiheit und Toleranz unterschiedlichster Kunstformen.
Meine künstlerische Freiheit besteht in der Kombination von Sprache und Musik. Dabei haben sich sehr verschiedene Strömungen vereinigt: Ich bewundere Wagner und seine Erfindung der Leitmotiv-Technik; ich bewundere den Geschmack meines Vaters, der mir neben seiner eigenen Jazz-Musik auch Frank Sinatra, Stevie Wonder, Joe Cocker, Gilbert O'Sullivan, Billy Joel und David Clayton Thomas – also wirklich gute Sänger – vorgespielt hat. Am Ende meiner Bemühungen sollte – in aller Bescheidenheit – das humoristische Gesamtkunstwerk stehen. Eine ernste Kunst könnte ich schlecht durchhalten. Gesundes, lautes Lachen ist für mich eine menschliche Äußerung, für die ich alles andere stehen und liegen lasse.
Das Klavier ist Ihr ständiger Begleiter auf der Bühne. Betrachten Sie sich bei den vielschichtigen Funktionen, die Ihr Partner übernimmt, noch als Alleinunterhalter, oder sollten Sie nicht eher als Duo auf Reisen gehen?
Am Ende jeder Veranstaltung stelle ich den Flügel oder das Klavier mit einer Handbewegung vor – so wie eine Sängerin auf den Pianisten verweist, dessen Einfühlungsvermögen und Probengeduld sie ihren Erfolg verdankt. Ich würde mir wünschen, daß sich der Flügel dann seinerseits aufrichten oder verbeugen könnte. Ja, wenn er wenigstens kurz die Klappe öffnen würde! – Aber man darf das Instrument nicht überfordern. Der Flügel ist wie eine Traumfrau; er kann ein Lied begleiten, aber er kann auch einen Orkan darstellen, er kann mich der Lüge bezichtigen, er spielt die Musik zu einem „Film“, den ich auf der Wortebene erzähle. Der größte Vorteil des Instruments ist – und hier hinkt der Vergleich mit dem weiblichen Geschlecht: Der Flügel löst sich nicht von meinem Willen. Er kommt nie zu spät, er jammert nicht über zu lange Tourneen und weite Reisen, sondern ist stets verläßlich und fröhlicher Stimmung.
Bewegen Sie sich mit den berühmten zwei Seelen in einer Brust gelegentlich am Rande der Schizophrenie?
Ja, sicher. Mein Sternzeichen ist Zwilling und mein Leben ist von Situationen durchzogen, in denen ich mich nicht entscheiden kann. Ich gehe dann immer zwei Wege gleichzeitig. Ich spreche und spiele Klavier. Das gilt im übrigen auch für den Beruf: Bis vor wenigen Jahren habe ich auch noch als Lehrer gearbeitet. Es fasziniert mich noch heute, einen bürgerlichen Beruf auszuüben, so sehr mich die Zwänge und Fesseln abstoßen. Die Lehrtätigkeit beschränkt sich heute auf meine Familie, die das aber mit Fassung trägt.
Die Länge der Nummern variiert zwischen der anderthalbminütigen „Ameise“ und dem 35-Minuten-Opus „Der Klaviator“ sehr stark. Welche programmatischen Überlegungen stecken dahinter?
Am Anfang meiner Arbeit habe ich gedacht, eine zeitliche Beschränkung sei immer ein Kniefall vor den Medien. Die berühmten 3'30'' sollte es für mich nicht geben, darauf wollte ich mich nicht einlassen. Ich habe erfahren, dass es unumgänglich ist, Kompromisse in Bezug auf die Länge der Beiträge einzugehen und ich weiß heute, dass es keinen Verlust bedeuten muss, sich kürzer zu fassen. Für die Kleinkunst spricht, dass beides möglich ist. Das Zeitempfinden spielt eine sehr große Rolle in unserem Beruf. Es gilt die Langsamkeit als Stilmittel zu entdecken. Vielleicht ist das eine Frage des Alters, der Routine, vielleicht auch nicht.
Das Kabarett war Ihnen nicht von Kindesbeinen an vorherbestimmt. Wer hat Ihr Talent im Umgang mit Sprache und Musik entdeckt, und welche Hürden galt es, auf dem Weg zur Bühne zu überwinden?
Tatsächlich hatte ich wohl eine sehr glückliche Kindheit, habe sehr viel gelacht und fühlte mich – insbesondere in meinem Kinderwagen – sehr wohl. Ich weiß nicht mehr, worüber ich gelacht habe, aber ich empfinde damals wie heute eine ähnliche Lebensfreude. Meine Mutter hat mich sehr bestärkt in diesem Gefühl!
Durch die Begegnung mit der Musik, dem Klavier, der Gitarre, der Posaune und dem Gesang, dem Jazz und der klassischen Musik sind die Ausdrucksmittel dieser Freude noch angewachsen. Der Anfang war leicht: Ich habe Lieder geschrieben, mal zum 75. meiner Oma, mal zur Hochzeit von Freunden. Und weil sie gut ankamen, habe ich mehr davon gemacht. Irgendwann kannte ich die Leute nicht mehr, für die ich mir etwas ausgedacht hatte.
Mein erstes öffentliches Programm entstand 1992, ich war noch Student.
Da ich nicht sicher sein konnte, ob außer mir noch jemand Interesse hatte, trug es den Titel: „Ich bin auf jeden Fall da!“ Es kamen 400 Personen, viele Freunde und Bekannte und denen hat es gefallen. Dann ging es richtig los. Ich konnte im Mainzer Caveau auftreten, im unterhaus, der WDR wurde neugierig. Es ging alles rasend schnell. Heute habe ich ein Management, das mir jeden Monat einen Tourplan zuschickt, die Zahl der Auftritte liegt zwischen 120 und 150 im Jahr. Nach rund 10 Jahren und vielen Tausend Auftritten kann ich sagen, dass ich mich für den richtigen Beruf entschieden habe.
Von Hürden kann da wohl keine Rede sein ...
Natürlich gibt es immer Ungeduld und auch Enttäuschungen. Man fragt sich oft, wann man denn nun berühmt ist und warum nicht schon längst. Aber auch hier spielt die Zeit eine verantwortungsvolle Rolle. Bleibender Erfolg ist leider immer noch das Ergebnis disziplinierter Arbeit. Mein Leben ist mein Beruf. Denn ich lebe, um ihn ausüben zu können. Ich kenne keine Arbeitszeitregelung und gehe auch sonntags gerne auf die Bühne. Ich bin dankbar und habe sehr viel Glück gehabt. Ich kann mich nicht beschweren.
Wie Sie sagten, zeichnet sich die Kleinkunst durch ihre besondere Intimität aus. Das hat zur Folge, dass diese Kunstform in hohem Maß von der Wechselwirkung zwischen Künstler und Publikum lebt.
Ja, nicht nur der Künstler, auch das Kleinkunstpublikum wird sehr stark beansprucht: Es muß mitdenken, reagieren. Es gibt wohl kaum eine Kunstform, die eine so direkte, ehrliche Reaktion mit sich bringt. Davor habe ich großen Respekt. Die Wahrnehmung von vielen, einzelnen Menschen in einem Raum gehört für mich zu den aufregendsten Erlebnissen in diesem Beruf. So wie das Publikum mir zuhört, so höre auch ich ihm zu! Man lernt sich kennen, man achtet sich, liebt sich vielleicht für einen Abend. Ein wirklich wunderbarer Beruf! Aber die Beziehung zum Publikum bleibt rätselhaft. Nach der Vorstellung geht man getrennte Wege.
Welche Ziele bleiben einem Kabarettisten, der in seiner Karriere neben vielen Auszeichnungen auch schon den Deutschen Kleinkunstpreis – die begehrteste Auszeichnung in der Kabarettszene – gewonnen hat?
Ich bin sehr stolz auf die Auszeichnungen, aber ich kann mich ja nicht darauf ausruhen. Es gibt so viele Möglichkeiten; Musik und Sprache sind unendlich weite Felder der kreativen Gestaltung. Wenn man wie ich ein gemischtes Publikum aus allen Altersstufen hat, dann ist das ein besonderes Glück, aber auch ein bißchen Verantwortung. Wenn ich groß bin, dann will ich ein Entertainer sein! Grundsätzlich aber heißt es wie im Fußball: Jeder Auftritt ist der wichtigste. Nach dem Auftritt ist vor dem Auftritt. Ein Auftritt dauert ca. 90 Minuten – ohne Zugaben!
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