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Das Große Interview

in dem fast alles angesprochen wird

 

Erste Frage, Herr Reichow, wie gestalten Sie eigentlich Ihren Alltag?
Wie leben Sie bzw. warum leben Sie?

 

Das ist eine sehr gute erste Frage. Ich stehe morgens mit den Kindern auf. Mit meiner Frau. Wir trinken Kaffee, wir frühstücken. Danach gehen die Kinder in die Schule und meine Frau ins Büro. Ich leg mich dann wieder hin. Was soll ich so tun, als ob ich was zu tun hätte. Naja, aber ganz so einfach ist das auch nicht. Weil ich Kaffee getrunken habe, kann ich oft nicht einschlafen. Es gibt Tage, da liege ich bis zum Mittag wach ...

 

Sie sind gebürtiger und bekennender Mainzer – in der Fastnachtssendung „Mainz bleibt Mainz" sieht man Sie als Anchorman in den ARD-„fastnachtsthemen" oder im ZDF-„fastnachtsjournal". Wie bereiten Sie sich darauf vor?

 

Viel trinken und gut essen. Da kann man von den Narren lernen. Ich bin ja nur Gast in der Bütt, verstehe mich als kleine Schelle im großen Narrenschiff. Am meisten freue ich mich auf das „Ui-ui-ui" und natürlich auch das „Au-wau-wau".

 

Im letzten Jahr durften Sie bei „Mainz bleibt Mainz" auftreten. Das muss für einen Mainzer doch das Größte sein – oder?

 

Ja, das ist richtig. Es ist das Größte, aber auch das Gefährlichste, was man als Einheimischer machen kann. Es gibt nichts Schöneres, als nach einem gelungenen TV-Auftritt durch die Stadt zu laufen. Wehe aber, der geht in die Hose. Dann muss ich umziehen – nach Wiesbaden!

 

Welche Eigenschaft, außer der Liebe zur Fastnacht, zeichnet den typischen Mainzer aus?

 

Mainz ist eine wunderbare Stadt. Wer hier mal gelebt hat, der möchte nirgendwo mehr hin. Und wenn es doch mal passiert, dann holen einen die Erinnerungen ein. Die Fleischwurst, der Wein, die Geselligkeit, der Dialekt, das Rheinufer, vor allem aber die Fastnacht ... Ich muss aufpassen, sonst fange ich an zu weinen.

 

Die Beziehung zum Nachbarland Hessen, insbesondere zur Stadt Wiesbaden ist für den Mainzer ja nicht unbelastet. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Schwaben?

 

Glänzend. Stuttgart, das ganze Sendegebiet des SWR ist meine zweite Heimat geworden. Durch die Moderation der Kultursendung erlebe ich die Schwaben jetzt öfter denn je und bin immer wieder beeindruckt von der Präzision und vom Qualitätsanspruch dieser Menschen.

 

Über Ihren Ziehvater Hanns-Dieter Hüsch sagten Sie: „Er ist mein subkutanes Vorbild" -  können Sie uns das erklären?

 

Mein Schlüsselerlebnis war die Mitwirkung bei seinem Programm „Hagenbuch". Als ich mit 17 Jahren als Posaunist in der Band meines Vaters mit Hanns-Dieter auf einer Bühne stand, muss es passiert ein. Die besondere Atmosphäre im Zuschauerraum, seine Stimme – so charakteristisch wie die von Frank Sinatra. Er konnte die Menschen zum Lachen bringen und zum Weinen. Das ist die volle Bandbreite der Kunst, hab ich gedacht und mich an die Arbeit gemacht.

 

 

Eigentlich wollten Sie Fußballprofi werden...

 

Naja, ich war ein sehr guter Spieler, aber vor allem auf kleinen, überschaubaren Bolzplätzen. Für das große Spielfeld fehlte mir die Kondition. Damals war ich wütend, wenn mein Vater mich zum Klavier üben nach Hause geholt hat. Heute bin ich dankbar.

 

 …...studierten dann Germanistik und Musik und wurden Lehrer. Hilft die Erfahrung als Lehrer heute auf der Bühne?

 

Nein. Die Schüler zahlen keinen Eintritt für die Lern-Show. Dementsprechend hängen sie auch in den Seilen. Mein Publikum am Abend ist durch die hohen Eintrittspreise sehr motiviert und wird sich hüten, an irgendeiner Stelle nicht aufzupassen. Nur eine Parallele gibt es zur Schule: Ich kenne den Stoff, den ich durchnehme.

 

…..und als Vater? Über Ihren pubertierenden Sohn erfährt man, dass er selten sein Zimmer verlässt – wie findet er es, dass Sie auf der Bühne über ihn sprechen?

 

Ohje, erst war er total sauer über die Indiskretion, aber als er die Nummer („Der Sitzsack") mal live erlebt hatte, kam er hinterher und fragte, ob er wohl noch etwas Geld dafür bekommen könne. Es sei ja schließlich seine Idee gewesen ...

 

Dürfen Sie private Erlebnisse immer auf der Bühne verwenden oder sagt Ihre Familie manchmal: „Das bitte nicht"?

 

Das ist ein heikler Punkt. Zu einem Privatleben gehört, dass man sich Anregungen holt, aber es nicht ausbeutet. Niemand wird je erfahren, was tatsächlich direkt bei uns passiert ist und was ich dazu erfunden habe. Wenn jemand nach der Vorstellung sagt: „Mensch, woher wissen Sie, wie es bei uns zugeht?" – Dann spüre ich bei meiner Frau eine gewisse Erleichterung.

 

In der Mainzer Allgemeinen Zeitung schreiben Sie die wöchentliche Kolumne „Weckruf" – was ist das Schwierigste am Kolumnisten-Dasein?

 

Der Kolumnist ist der Wellensittich unter den journalistischen Eintagsfliegen. Für seine meist unterbezahlte Tätigkeit erhält er im Idealfall so viel Zustimmung, dass er davon leben kann. Ansonsten ist alles eine Frage der Zeit und der Substanz. Ein guter Kolumnist schreibt irgendwann ein Buch und wird weltberühmt.

 

Wo finden Sie Ihre Themen?

 

Siehe oben! Entweder ich schlachte die Familie aus oder ich zerlege irgendeinen Lokalpolitiker. Wenn beides nichts her gibt, dann singe ich über Tiere. Das kommt immer sehr gut an.

 

Bietet die aktuelle Regierung für einen politischen Kabarettisten genug Material?

 

Natürlich wünsche ich mir, dass eine Regierung gut arbeitet, aber ich ahne, dass mir jede Pannenserie beruflich in die Hände spielt. Ich habe keine Angst davor, dass der Welt die Ereignisse ausgehen und wenn es ganz schlimm kommt, dann kann ich mir immer noch was ausdenken.

 

 

Mit Angela Merkel würden Sie sich gerne zum Abendessen treffen – worüber würden Sie mit ihr sprechen?

 

Zunächst würde ich ihr mein volles Vertrauen aussprechen. Dann würde ich meiner Bewunderung freien Lauf lassen und erwähnen, wie begeistert ich bin von ihrer Uneitelkeit. Vielleicht lässt sie sich die ein oder andere Parodie eines Kabinettskollegen entlocken, das soll sie sehr gut können. Nach dem Essen würde ich sie noch zu einem Spaziergang überreden. Ich will unbedingt sehen, wie sie ihre sogenannten „kleinen Schritte" macht.

 

Sie gehen seit über zwanzig Jahren auf Tournee – macht das immer noch Spaß?

 

Oh ja. Die Bühne tut mir und meiner Familie sehr gut. Es gibt keinen besseren Ort für mich. Nirgendwo fühle ich mich so gut, so stark und so gesund. Nach einem erfolgreichen Abend fahre ich gut gelaunt und flott nach Hause, das macht Spaß. Leider haben Flensburg und ich oft unterschiedliche Wahrnehmungen, was die Geschwindigkeit angeht.

 

Auf Ihrer Bühne steht immer mindestens ein Flügel, manchmal auch ein Keyboard. Sie haben Programme mit Orchester, Bigband und A Capella-Sängern geschrieben.Welche Rolle spielt die Musik für Ihr Kabarett?

 

Für mich ist die Musik ein wunderbares Mittel, um die Gefühle zu steigern. Musik erzeugt Schwung, kann aber auch eine Tiefe haben, die man mit dem Wort nur selten erreichen kann. Es gibt Dinge, über die man besser singt als spricht.

 

Zum Beispiel?

 

Die Liebe ist ein Beispiel. Im Gegensatz zum Fernsehpublikum, das einen Musikbeitrag oft zum Anlass nimmt, auf die Toilette zu gehen, ist es im Theater umgekehrt: Das Live-Publikum ist unglaublich verrückt nach Musik und die Begeisterung während oder nach einem guten Musikstück ist unbeschreiblich. Ich singe vor allem gerne für Frauen. Die haben besonders viel für Musik übrig.

 

Lars Reichow über sein aktuelles Programm „Freiheit!"
(Premiere war am 10. Oktober 2014)

 

Freiheit – warum heißt das Programm „Freiheit!"?

 

Ich habe dieses Programm aus privaten und politischen Gründen geschrieben. Freiheit ist ein großes Wort. Unendlich wie ein Universum, da muss man schon ein paar kleine Planeten reinhängen, damit sich ein Zusammenhang herstellen lässt. Für mich ist Freiheit der Schlüssel zu Arbeit, Zufriedenheit und Glück. Das ist die gute Nachricht. Die Frage ist, wo man die Grenzen setzt – und darum drehen sich sämtliche Kriege auf dieser Welt.

 

Was ist das für ein Phänomen, die Freiheit?

 

Das Merkwürdige ist, dass die Freiheit bei uns fast ausgestorben ist. Das Firmenschild hängt zwar noch draußen, aber an Stelle der großen Freiheit arbeitet jetzt die kleine Schwester namens „Freizeit". Die wiederum ist eine Angestellte von „Google" – einem Datenstaubsauger, dessen Beutel noch nie geleert wurde. Die „Google"-Zentrale, also alle Computer in Kalifornien sind das, was man früher „Gott" genannt hat. Allwissend. Aber nicht ganz so gnädig wie Gott. Und viel geschäftstüchtiger ...

 

Wollen Sie eigentlich die Zuschauer nur unterhalten?

 

Nein. Es gab und gibt immer auch nachdenkliche Passagen in meinen Programmen. Für mich ist die Bühnenkunst nur dann vollständig, wenn sich zum Lachen auch der Ernst, vielleicht sogar das Weinen gesellt. Lachen ist viel schöner, wenn man vorher geweint hat. Probieren Sie’s mal aus.

 

 

 

Lars Reichow war ja mal Lehrer. Und davor sogar Schüler. Weil das oft gefragt wird, hat er sich hier nochmal exklusiv erinnert:

 

Am allerliebsten erinnere ich mich an die Stunden, in denen wir nicht lachten durften, aber mussten bzw. unbedingt wollten. Ich hatte einen Freund, dessen Gesicht sehr komisch aussah, wenn er lachte und deshalb war ich bemüht, ihm einen Grund zu liefern. Je strenger der Lehrer, desto lieber lachten wir. Ein Blick genügte und er prustete los. Wenn ich ihn lachen sah, konnte ich auch. Wir hingen dann notdürftig über den Tischen und hielten unsere Hände vor das Gesicht. Der Druck war ungeheuer groß, denn man musste ja auch ab und zu nachatmen, ohne in schallendes Gelächter auszubrechen. Mitschüler und Lehrer waren oft fassungslos. Niemand wusste, warum wir lachten. Wir hatten ja selbst keine Ahnung. Je größer die Gefahr wurde, vor die Tür geschickt zu werden, desto mehr mussten wir lachen. Die Kunst war jedoch, drin zu bleiben, denn draußen vor der Tür war es sofort langweilig. Sobald es klingelte, waren wir wieder ernst. Wir mussten uns schonen für die nächste Stunde. In Religion hatten wir einen Lehrer, der schnell rot wurde. Er war katholisch und ich hatte ein frisch gekauftes „Pups"-Kissen, das wir dringend ausprobieren mussten. Schon der Gedanke an das Geräusch hat uns verrückt werden lassen vor Freude. Als es gerade sehr still war und er etwas diktierte, lösten wir das „Geräusch" aus und an diesem Tag wurde der Lehrer dunkelrot. Er hat uns dann dem Hausmeister empfohlen als Hilfskräfte und wir durften den Schulhof ein bisschen sauber machen. Ein ganz besonders gelungener Tag war, an dem wir ein Spiel erfunden haben, das hieß „Luftballon". Einer holt tief Luft und steckt den Finger in den Mund, der andere muss den „Stöpsel ziehen", woraufhin der eine wiederum die Luft verliert und zuckend in sich zusammensackt. Wir sind fast gestorben vor Lachen. Doch je länger die Schulzeit dauerte, desto schwerer fiel es mir früh aufzustehen. Ich kam oft erst zur dritten Stunde, obwohl die ersten zwei nicht frei waren. Vielleicht ist das der Grund, warum ich meinen Beruf in den Abend verlegt habe. Im Grunde mache ich dasselbe wie damals: Ich versuche Leute zum Lachen zu bringen. Ich hätte nie gedacht, dass man davon leben kann. Ich danke all meinen Lehrern für die schöne Zeit!